
Echte Vorbilder gesucht - Jugendliche inszenieren messerscharfe Gesellschaftskritik
Ein Blick in die Psychoanalyse lehrt: Jugendliche müssen den Umgang mit Liebe und Sexualität im Prozess des Heranwachsens erst lernen. Dazu braucht es vor allem geeignete Vorbilder. Doch was passiert, wenn diese Idole verstummen und das Lernen ausbleibt? Das sind die fundamentalen Fragen, denen sich Autorin Tina Müller in ihrem Stück "Filmriss" zuwendet. Am Freitag hatte das Schauspiel auf der TiL-Studiobühne Premiere.
Und am Ende gab es kräftigen Applaus und Bravo-Rufe für die Produktion des Jugendclubs -Spieltrieb unter der Leitung von Marco Ober und Abdul-M. Kunze, die auf der ganzen Linie überzeugen konnte.
Darum gehts in dem Stück, dessen Schauspieler zwischen 13 und 21 sind: An einer Schule taucht ein pornografisches Handyvideo auf, das die Lehrerschaft spaltet. Die Mehrheit sagt: Das ist nur ein Spaß unter Jugendlichen, wogegen sich die Minderheit tief erschüttert über die sexuelle Verrohung zeigt. Und die Minderheit hat Recht, wie im Verlauf des Schauspiels deutlich wird.
Denn egal, ob Macho Jackson, Model Cindy oder der schüchterne Darko: Alle sind von einer starken Sexualorientierung dominiert. Freundschaft, Gefühl und Liebe? Sie scheinen keine Rolle zu spielen im Kreis dieser Jugendlichen.
Doch der Schein trügt, denn im Verlauf der Handlung wird zunehmend deutlich, dass fast alle Protagonisten tief gespalten sind. Mit einfachen Worten gesagt: Jeder von ihnen sehnt sich nach Liebe und Nähe, hat im Verlauf seiner Sozialisation jedoch gelernt, diese Gefühle zurückzustellen zugunsten einer rein körperlich fixierten Erlebnis-Sexualität. Wie konnte es soweit kommen?
Die Antwort der zwölf jugendlichen Schauspieler, die allesamt erstklassige und authentische Leistungen zeigten: Es fehlen richtige Vorbilder.
Wie soll man das verstehen? Vielleicht so: Egal, ob man in Bücher von Sigmund Freud, Erich Fromm oder Alexander Mitscherlich schaut - alle drei Psychoanalytiker sagen, dass der Umgang mit Liebe und Sexualität von Kindesbeinen an gelernt werden muss. Das ist ein hochsensibler und Jahrzehnte dauernder Lernprozess, der vor allem über Identifikationsprozesse funktioniert und zum Scheitern verurteilt ist, wenn die richtigen Vorbilder wie in "Filmriss" fehlen.
Denn hier wimmelt es vor Erwachsenen, die sich für ihre Kinder einfach nicht interessieren, sie zum Körperkult erziehen oder den Verzicht auf romantische Liebe vorleben. Wer wollte sich da wundern, dass die Jugendlichen als Produkt dieser ignoranten Erziehung Liebe und Nähe verlernt und sie durch Körperkult ersetzt haben. Wie könnte es bei den schlechten Vorbildern auch anders sein?
Das Stück "Filmriss" thematisiert Sexualität und Gewalt
Das ist eine Gesellschaftskritik, die einer schallenden Ohrfeige gleichkommt, denn seien wir mal ganz ehrlich: Immer wieder hört man unserer Tage von derartigen Handyvideos, der verrohten Jugend und dem Verlust von zwischenmenschlichen Werten wie Anstand. Immer wieder sind das große Aufreger, doch woher kommen diese Phänomene eigentlich?
Im Grunde genommen muss man sich nur Scheidungsraten, den an marktwirtschaftlichen Kriterien orientierten Singlemarkt oder die zunehmende Präsenz von Gewalt in Fernsehen und Internet vor Augen halten, um zu einer gänzlich anderen Fragestellung zu kommen: Wie können wir als Erwachsene uns besser verhalten, um den Kindern ein gutes Vorbild zu sein? Das ist die Botschaft des Stücks "Filmriss", über das man am Ende nur eines sagen kann: Hut ab vor den Akteuren auf/hinter der Bühne! Das Material des Theaters umfasst leider keine Namensliste; wohl, weil die Ensembleleistung im Vordergrund steht. Stephan Scholz, Wetzlarer Neue Zeitung, 02. Mai 2011